Michael Kipp's Blog

Lehrvideos produzieren

Im Rahmen meiner Lehre produziere seit 2012 eigene Lehrvideos und stelle sie auf YouTube zur Verfügung. Da ich aktuell wieder in dem Bereich aktiv bin, dachte ich, ich stelle mal einige Tipps zu Ausrüstung und Workflow zusammen. Vielleicht ist damit ja dem ein oder anderen potentiellen Nachahmer geholfen…

Zwei Beispielvideos

Vielleicht vorab zwei Beispielvideos zum Thema “Programmieren lernen mit Processing”. Zunächst ein ganz aktuelles von 2017. Im Vergleich zu den alten Videos verwende ich jetzt ein besseres Mikro und habe eine Titelfolie eingefügt, damit die Videos bereits in der Vorschau klar erkennbar sind.

Und hier ein altes Video von 2014. Was direkt auffällt, ist die miserable Audioqualität. Man könnte denken “das kann man doch in der Nachbearbeitung verbessern”, aber mittlerweile habe ich eingesehen, dass man versuchen muss, direkt bei der Aufnahme ein möglichst gutes Signal hinzubekommen. Nachbearbeitung ist zeitaufwändig und nicht immer erfolgreich.

Jetzt aber zu Ausrüstung, Vorbereitung, Aufnahme und Nachbereitung (dazu ggfalls auf “continue reading” klicken).

Ausrüstung

Für Videos wie die obigen benötigt man folgende Hardware:

  • Einen Computer (Standrechner oder Notebook). Der Bildschirm sollte nicht zu klein sein, weil man bei der Aufnahme mehrere Fenster offen hat. Der Computer sollte auch nicht zu alt/schwach sein, weil Videobearbeitung doch einiges an Rechenleistung und Speicher benötigt. Ich verwende zum Beispiel ein MacBook Air (Modell von 2011; reicht völlig in Sachen Leistung) zusammen mit einem externen 24″ Monitor.
  • Ein gutes Mikrophon! Ich hoffe, die zwei Beispiele oben verdeutlichen, wie dramatisch die Unterschiede sind. Ich verwende seit 2017 das Auna MIC-900B USB Kondensator-Mikrofon inkl. Spinne (80 EUR). An Zubehör habe ich den “Boom Scissor Arm Ständer” (15 EUR) und eine Schwamm-Muffe (nennt man auch Popschutz oder Popfilter) namens “Mudder Mic Mikrofon Windschutz” (7 EUR für 6 Stück).
  • Ein Eingabetablet mit Stift, das gut genug ist, dass man damit leserlich schreiben kann (sofern man Handschrift verwenden will). Ich verwende das Wacom Intuos Pro Stifttablett Größe M (350 EUR), die Größe S finde ich für meine Zwecke zu klein. Man beachte, dass man bei so einem Tablet die Eingabe (Stift auf Tablet) und die Wiedergabe (Bildschirm) getrennt sind. Manche finden das sehr irritierend. Alternativen sind Laptops, bei denen man direkt auf den Bildschirm schreiben kann, spezielle Stifttablets mit Bildschirm (z.B. Wacom Cintiq-Serie) oder ein High-End-Tablet wie das iPad Pro oder das Microsoft Surface Pro mit entsprechendem Stift.

An Software benötig man:

  • Ein Screencasting-Programm, um (a) Bildschirm plus Mikrophoninput aufzuzeichnen, (b) die Aufzeichnung hinterher zu bearbeiten und (c) zu exportieren bzw. zu veröffentlichen (z.B. auf YouTube hochladen). Ich verwende seit 2017 Camtasia (Einzellizenz 220 EUR). Diese Software gibt es für PC und Mac und erfreut sich im Bereich “Lehrvideos” großer Beliebtheit. Früher habe ich ScreenFlow verwendet; gibt es leider nur für den Mac, kann ich aber auch sehr empfehlen.
  • Eine Art Malwerkzeug, damit man Dinge schreiben oder zeichnen kann. Ich verwende die kostenlose Version von SketchBook.

Vorbereitung

Zunächst mal muss man sich natürlich im klaren sein, was man inhaltlich vermitteln möchte. Ich stelle thematisch fokussierte Videos her, also z.B. beim Programmieren “Die While-Schleife” oder “Variablen”. Längere Themen teile ich in mehrere Teile/Schritte auf, z.B. habe ich drei Videos, um Funktionen einzuführen. Andere Beispiele für mögliche Themen sind das Vorrechnen von Klausuraufgaben oder die Darstellung typischer Fehler.

Allgemein akzeptiert ist mittlerweile, dass Lehrvideos zwischen 5 und 10 Minuten lang sein sollten. Man kann an Analysen auf z.B. YouTube deutlich sehen, dass schon nach 5 Minuten viele Leute abspringen. Aber auch aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich kurze, thematisch fokussierte Videos bevorzuge. Das heißt für die Planung: nicht zu viele Inhalte reinpacken, evtl. das Thema splitten.

Ich mache mir häufig eine Reihe von Stichpunkten oder gehe, falls vorhanden, den entsprechenden Abschnitt in meinem Skript durch. Eine andere Strategie ist, direkt nach einer gehaltenen Vorlesung oder Übunggruppe zu dem Thema das Video zu produzieren. Da ist der Stoff noch sehr präsent.

Wenn man wie ich im Bereich “Programmieren” unterwegs ist, muss man vielleicht noch Code-Schnipsel vorbereiten. In anderen Bereich möchte man vielleicht Folien oder Bilder in den aufgezeichneten Bereich schieben. Bei Bildern muss man natürlich darauf achten, ob Lizenzbedingungen zu beachten sind. Vielleicht hat man auch Texte, die man zu einem bestimmten Zeitpunkt einblenden möchte.

Neulinge sollten vor der Aufnahme unbedingt kurze Testaufnahmen machen (nur ein paar Sekunden), um das Audio zu testen. Nichts ist frustrierender, als nach einer richtig gut gelungenen Aufnahme festzustellen, dass das falsche Mikrophon (z.B. das eingebaute Notebook-Mikro) als Eingang festgelegt war.

Aufnahme

Screencasting-Software funktioniert so, dass man die Aufnahme startet, woraufhin der gesamte Bildschirm aufgezeichnet wird. Es gibt dann eine Tastenkombination, um die Aufnahme zu beenden; die muss man sich natürlich merken. In der Nachbearbeitung legt man dann den Ausschnitt fest, den man im finalen Video sieht.

Während der Aufnahme stellt man sich also einen bestimmten Bereich des Bildschirms als “aktiven Bereich” vor. Keine Sorge, den kann man in der Nachbearbeitung leicht verschieben oder vergrößern/-kleinern, aber während der Aufnahme sollte man einen ungefähren Bereich mitdenken. Auch hier muss der Neuling einige kurze Testaufnahmen machen, um ein Gefühl für den richtigen Bereich zu bekommen.

Beim Sprechen sollte der Mund möglichst dicht am Mikrofon sein. Dennoch muss man vorsichtig sein, dass plosive Laute (testen mit “Papa”) und s-Laute (“Straße”, “Masse”…) nicht unangenehm rausknallen. Auch hier: Testen! Als Gegenmaßnahme doch wieder Abstand vergrößern oder leicht am Mikro vorbei sprechen.

Während der Aufnahme ist am wichtigsten, dass man bei Versprechern und Fehlern einfach den entsprechenden Abschnitt wiederholt! Es ist viel schneller, solche Dinge später rauszuschneiden als jedesmal von vorn zu beginnen. Also: Cool bleiben und den Satz einfach wiederholen. Auch bei technischen Problemen (falsches Programm geöffnet) oder Verzögerungen (man muss doch noch einen Text eintippen): keine Sorge, kann man alles rausschneiden. Hier noch ein Expertentipp: wenn etwas länger dauert (z.B. Text tippen) und man es evtl. später rausschneiden will, dann nicht gleichzeitig sprechen, sondern ganz am Anfang oder am Ende des Prozesses, sonst gibt’s beim Schneiden Probleme.

Die obigen Tipps umzusetzen braucht natürlich Übung. Am Anfang wird man sicher viele Aufnahmen anfertigen und wieder verwerfen. Später macht man hoffentlich nur noch eine (eher längliche) Aufnahme, die man hinterher zurechtstutzt.

Nachbereitung

Nach der Aufnahme liegt das Video plus Audio in Camtasia zur Nachbearbeitung (Postprocessing) bereit. Hier kann man beliebig viel Zeit investieren und muss für sich eine gute Balance aus Kosten und Nutzen finden.

Als erstes kontrolliere ich die Audiospur. Wenn da was schief gelaufen ist (z.B. falsches Mikro, s.o.), muss man eh die Aufnahme wegwerfen. Ich passe dann noch die etwas die Lautstärke an (meist erhöhe ich sie etwas, ohne dass Spitzen entstehen).

Ganz wichtig ist das Entfernen von Versprechern und Fehlern. Ich versuche mittlerweile auch, alle Pausen oder überflüssiges Gerede zu entfernen, um das Video so kompakt wie möglich zu halten. Schließlich kann man das Video immer stoppen oder wiederholen. Aber zu redselige Videos mit zu vielen überflüssigen Pausen werden schnell weggeklickt. Ich schneide auch Dinge raus wie das Eintippen von Texten. Dadurch “springt” das Video zwar, aber man lernt nicht wirklich viel, wenn man mir beim Code-Tippen zuschaut.

“Rausschneiden” heißt: zwei Schnitte setzen, links und rechts vom überflüssigen Segment, und anschließend löschen und Lücke schließen. Für diese extrem häufig durchzuführende Aufgabe lohnt es sich, sich die wichtigen Tastaturkürzel zu merken. Für Camtasia sind das z.B. CMD-T, um einen Schnitt zu setzen, und – noch wichtiger – SHIFT-CMD-X, um ein Segment zu löschen und die entstehende Lücke direkt zu schließen. Schön bei dieser Funktion ist, dass Video/Audio immer “ein Block” bleibt und nicht durch die Schnitte viele Segmente entstehen.

Im zweiten Durchlauf füge ich Effekte hinzu. Derzeit verwende ich zwei Effekte:

  1. In Camtasia kann man recht komfortabel, den Bildschirmausschnitt hin- und herbewegen (inkl. Zoom). Das nutze ich, um auf bestimmte Bildbereiche zu fokussieren.
  2. Man kann auch sehr leicht Pfeile und Texte einblenden. Damit kann man schnell die Aufmerksamkeit lenken, wenn man z.B. Skizze, Code und Ausgabekonsole gleichzeitig im Bildbereich sieht.

Beide Effekte sieht man auch im ersten Beispielvideo oben im Einsatz.

Zum Schluss setze ich noch eine Titelfolie ein. Die habe ich ganz einfach mit Keynote (Mac-Äquivalent zu PowerPoint) erstellt, dort als JPG-Bild exportiert und in Camtasia importiert. Eine Titelfolie macht das Video im YouTube-Dschungel besser auffindbar und attraktiver.

Hochladen und Einbinden

Ich stelle meine Video in YouTube zur Verfügung. Dazu habe ich ein eigenes Konto angelegt (profkipp), das ich exklusiv für Lehrvideos nutze.

In Camtasia kann man ein bearbeitetes Video (= Projekt) direkt in YouTube hochladen, sofern man seine Zugangsdaten eingibt. Ich stelle beim Hochladen selbst das Video immer auf privat, d.h. das Video ist in YouTube zunächst nicht allgemein verfügbar.

Nach dem Hochladen (kann 10, 20 Minuten dauern) kann man dann im Browser auf dem eigenen YouTube-Konto (“Creator Studio”) in Ruhe alle Meta-Daten zum Video einstellen (Beschreibung, Stichwörter, Sprache, Ort, Datum etc.), bevor man das Video auf “Öffentlich” schaltet. Gute Meta-Daten sind wichtig, um in YouTube aufgefunden zu werden.

Ich bette die Videos anschließend direkt in mein Online-Skript zur Vorlesung ein, dann stoßen die Studierenden ganz automatisch auf sie und können entscheiden, ob sie das Angebot in Anspruch nehmen:

http://michaelkipp.de/processing

Das sieht dann ungefähr so aus. Das kleine Inhaltsverzeichnis habe ich per Hand hinzugefügt.

Man kann die Videos auch z.B. in Moodle einbinden oder einfach die YouTube-Links verschicken. Wer interaktive Elemente wie Quizze oder Links einbinden möchte, kann sich das Projekt H5P anschauen, das derzeit im Bereich Digitale Lehre große Wellen schlägt.

Wie lange dauert sowas?

Wie lang  es dauert, bis so ein Video fertig und hochgeladen ist, hängt wirklich sehr stark von den eigenen “Ansprüchen” ab. Wenn man sich beeilt und minimal korrigiert, kann man mit vielleicht 1-2 Stunden für 5 Minuten hinkommen. Es werden aber auch schnell mal 3-4 Stunden, wenn man noch Pfeile hier und Animationen dort einbaut.

Wenn man so richtig “im Flow” ist und vielleicht auch mal 2-3 Videos hintereinander weg produziert, geht’s sicher auch mal schneller.

Das klingt vielleicht eher entmutigend, aber wenn man bedenkt, wie oft man in der Vorlesung oder beim Praktikum das gleiche erzählt, sind ein paar Stunden für ein Video, das hunderte oder tausende Male gesehen wird, vielleicht doch wieder gut investierte Zeit.

Fazit

Ich verstehe meine Videos als eine Art “Skript in alternativer Form” und glaube, dass der Stoff durch die Videos für viele Studenten zugänglicher wird. YouTube erlaubt es mir, mit meinen Videos auch Studierende außerhalb meiner Hochschule bzw. meines Studiengangs zu erreichen. In Evaluationen aber auch auf YouTube bekomme ich viel positives Feedback zu den Videos bzw. zu der Tatsache, dass ich Videos anbiete. Ich hoffe, dass dieser Artikel die ein oder andere Kollegin inspiriert, das auch mal zu probieren.

Categories: Bildung

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2 Comments

  1. Lieber Michael,

    herzlichen Dank für die wertvollen Tipps!

    Viele Grüße aus dem Maschinenbau
    Ulrich

  2. Tolle Zusammenfassung und sehr hilfreich.

    Liebe Grüße aus Saarbrücken

    Quan

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